Datenfluss und Parameter-Denken

Mein Grafik-Generator ist mit Max/MSP/Jitter realisiert. Das ist eine Software, mit der man mit Objekten Informationsflüsse ähnlich wie Flussdiagramme organisiert. Den Datenfluss bildet man mittels Connections zwischen den Objekten ab. Die Objekte werden von Faktoren beeinflusst, die ich gerne mit gelenktem Zufall steuere. Mehr dazu weiter unten.

Mathematik, Systemdynamik und Komposition

Obwohl es eigentlich naheliegend ist, dass ich als Mathematiker und Web-Programmierer auch Kunstprojekte entsprechend systematisch entwickle, ist doch der Weg dorthin ganz interessant. Mitte der 1990er-Jahre haben wir uns in der Fortbildung der Mathematiklehrer/innen mit dynamischen Systemen beschäftigt und mit der Software dynasys entsprechende dynamische Modelle erstellt. Der gesellschaftspolitische Hintergrund war die wachsende Erkenntnis, dass wir es nicht mit statisch-mechanischen Systemen zu tun haben, sondern unsere Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft dynamische Systeme mit vielen Einflussfaktoren sind. Bekannt wurde dieses Konzept durch die Studie Die Grenzen des Wachstums des Club of Rome von der Gruppe um Donella und Denis Meadows (1972). Im Rahmen der mathematischen Beschäftigung mit Systemdynamik habe ich tatsächlich die Gleichungen dieser Studie erforscht.

Im nächsten Schritt habe ich mich mit volkswirtschaftlichen Modellen beschäftigt und die wichtigsten 2000 Seiten der deutsch- und englischsprachigen Literatur studiert und das Thema in die Lehrer/innen-Fortbildung eingebracht. Als Konsequenz waren volkswirtschaftliche Modelle in den letzten 15 Jahren im Lehrplan für Mathematik an Handelsakademien in Österreich verankert. Leider ist die Beschäftigung mit Systemdynamik wieder in den Hintergrund getreten.

Zugleich habe ich mich damals sehr ausführlich mit Bevölkerungsmodellen und den möglichen Einflussfaktoren beschäftigt und durfte auf Einladung von Wolfgang Lutz bei einer international besetzten Bevölkerungskonferenz am IIASA in Laxemburg teilnehmen.

Während ich volkswirtschaftliche Modelle und Bevölkerungsmodelle unter systemdynamischem Blickwinkel erstellt habe, bin ich bei meinem Kompositionsstudium am (damaligen) Bruckner Konservatorium in Linz zufällig Dr. Karlheinz Essl begegnet. Ein Blick auf den Bildschirm seines Computers hat mir eröffnet, dass er seine algorithmischen musikalischen Werke mit einer Software auf systemdynamischer Basis komponiert. Ich habe vier Jahre Unterricht bei Karlheinz genommen. Die letzten zehn Jahre habe ich an der Kunst-Universität Linz Realtime Processing unterrichtet, mit Max/Msp/Jitter als systemdynamischer Software.

Das Konzept des Grafik-Generators

Der Grafik-Generator ist ein relativ einfaches System: Ein Foto wird geladen und es werden aus diesem Foto drei verschiedene Ausschnitte erzeugt und überlagert. Die Ausschnitte sind nicht statisch, sondern ändern sich laufend: in einem laufend zufällig gewählten Zeitintervall (beispielsweise alle 2 bis 20 Sekunden) wird ein neuer Wert für die linke obere Ecke gewählt und in diesem Zeitintervall linear erreicht. Das heißt, die linke obere Position des Ausschnitts bewegt sich zum neuen Wert, dann wieder zu einem neuen Wert und wieder. Ebenso zufällig wird in eigenem Zeitintervall die Größe des Ausschnitts immer wieder neu festgelegt. Weitere Parameter sind die Farb-Sättigung und Helligkeit der drei Ebenen.

Die drei Ausschnitte werden in ein gemeinsames Bild addiert. Durch die unterschiedlichen Ausschnitte entstehen unterschiedliche Vergrößerungen des Motivs und auch Verschiebungen des Motivs. Das erzeugt eine gewisse räumliche Tiefe, die sich aber ständig ändert. Ich betrachte den sich langsam verändernden Bilderfluss und speichere eine Situation als Bild, falls ich es ansprechend finde. In Adobe Lightroom wähle ich dann die gespeicherten Bilder aus.

Ich habe das System so programmiert, dass ich gleich einen ganzen Ordner von etwa 20 Fotos lade, wechsle mit den Pfeiltasten zwischen den Fotos und erziele so pro Session etwa 50 Bilder. Damit ich die Bilder auch als Vorlagen für mehrfärbige Druckgrafik verwenden kann, speichere ich neben dem zusammengesetzten Bild auch die drei Ausschnitte ab.

Work in progress

Aufgrund meiner Erfahrung mit dynamischen Systemen denke ich mir meine Konzepte zuerst theoretisch durch und sehe dann nach der Programmierung, ob sie auch ästhetisch funktionieren. Beim Grafik-Generator finde ich interessant, dass ich jetzt gezielt für diese Art der Grafik-Generierung fotografiere und beobachte, wie sich die Wahl meiner Motive entwickelt. Diese Rückkoppelung ist ein weiterer, für das Ergebnis ganz entscheidender Parameter.

Ich werde die generierten Bilder als eigenständige Bilder verwenden, als Vorlagen für Druckgrafik und als erste Schicht für Mischtechnik mit Acryl, Tusche und Ölkreide. Was sich daraus entwickelt, werden wir ja sehen.

Bildschirmfoto

Screenshot der Präsentations-Ansicht. Rechts eine zerschnittene und neu arrangierte Version des Kompositums.

Bildschirmfoto

Bei diesem Screenshot sieht man die äußere Schicht der Programmierung.

 

Und so arbeitet der Grafik-Generator, allerdings in Zeitlupe: grafik-generator-demo

 

 

 

Kategorie: Medienkunst.
Letzte Änderung: 7. Februar 2016