Articles tagged with: Wahrnehmung

Zeitbasierte Landschaft – timebased landscape

Mein Video-Panorama-Projekt hat einen Namen und ein Konzept: Zeitbasierte Landschaft – Timebased Landscape.

Ich filme eine Landschaft im Vorbeifahren/-gehen und füge anschließend die mittleren vertikalen Streifen jedes einzelnen Frames zu einem Bild aneinander. Es entsteht dadurch das Bild einer Landschaft, deren einzelne Abschnitte zeitlich nacheinander aufgenommen wurden. Die Landschaft wird sozusagen zeitlich aufgerollt. Längere Videoaufnahmen erzeugen breite Bilder.

Ob diese konstruierten zeitbasierten Landschaften nun für mich bzw. Betrachter/innen „funktionieren“, hängt von mehreren Parametern ab: Am Wichtigsten ist die ruhige und gleichmäßige Fortbewegung. Holpriges Fahren bzw. Gehen bewirkt zu unruhige Wellenlinien, die eine Wahrnehmung erkennbarer Landschaft stört und eher als Gag oder Klamauk empfunden wird. Daher sind viele meiner Aufnahmen im Zug oder Bus entstanden. Als nächstes wirkt sich die Fortbwegungsgeschwindigkeit entsprechend aus. Bei höheren Geschwindigkeiten gibt es zu wenige vertikale Bildstreifen, aus denen sich eine sinnvolle Landschaft zusammensetzen lässt. Die Landschaft wirkt horizontal zu sehr gestaucht, Häuser und Objekte sind zu schmal und zu plakativ unrealistisch.

Nachdem die relative Geschwindigkeit der Fortbewegung mit der Entfernung der Objekte zusammen hängt, spielt die räumliche Tiefe der Landschaft eine weitere wichtige Rolle. Objekte im Vordergrund fliegen schnell vorbei und sind daher stark verkürzt und entsprechend unscharf oder nur angedeutet, Objekte in weiterer Ferne bleiben lange im Bild und werden breiter dargestellt. Je nach räumlicher Tiefe bzw. Lage der Objekt im Raum ist eine unterschiedliche Geschwindigkeit für die Aufnahmen optimal. Objekte im Vorder- und Hintergrunde können nicht gleichzeitig realistisch dargestellt werden. Beachtenswert sind Ergebnisse bei der Aufnahme bewegten Objekten, bei denen sich die Geschwindigkeit während der Aufnahme verändert.

Die Bilder können bei entsprechender Parameter-Konstellation auf den ersten Blick realistisch wirken, haben aber trotzdem einen surrealen Charakter. Dieser entsteht durch die Aneinanderreihung von Bildstreifen, die parallel zur Aufnahmerichtung liegen. Das gesamte Bild hat daher kein Zentrum (Betrachterstandpunkt) und widerspricht daher unserer herkömmlichen Wahrnehmungssituation. Beim Verlauf von horizontalen Motiven (beispielsweise Bahngleise) entsteht sogar der Eindruck von Draufsicht im Vordergrund, die gleitend in die Frontalansicht im Mittel- und Hintergrund übergeht.

Absicht und Wirkung der Bilder aus der Serie „Zeitbasierte Landschaft“ sind mehrfach: Einerseits interessiert mich die Konstruktion von Landschaftsbildern mit Hilfe einer bestimmten Technik, andererseits die Reflexion der Wahrnehmung von Zeit und Raum. Umgekehrt können anhand der Bilder manche Rahmenbedingungen der Aufnahme (Struktur und Verlauf der Landschaft, räumlichen Tiefe, Geschwindigkeit) gedanklich rekonstruiert werden.

Jeweils drei Bilder einer Zeile bilden eine zusammengehörige Landschaftsserie. Die Bildqualität ist grundsätzlich auf eine Höhe von knapp 2000 Pixel ausgerichtet. Durch die Aneinanderreihung schmaler vertikaler Pixelsteifen entsteht allerdings eine entsprechende Verpixelung. Das Projekt ist übrigens mit MaxMspJitter realisiert.

Untersuchungen einer bestimmten Geschwindigkeit

Fotografische Aufnahmen von Geschwindigkeit zeigen eine Diskrepanz zu unserer visuellen Wahrnehmung von Geschwindigkeit. Während unser Gehirn die unscharfen Aufnahmen zurecht-rechnet oder so viele Bilder pro Sekunde wahrnimmt, dass wir die Vorstellung einer glatten Bewegung erhalten, zeigt uns der Zeitabschnitt eines Fotoapparats (je nach Technik, Geschwindigkeit und Belichtung) die Bewegung in einem einzigen Bild, also bewegungsunscharf. Bei einiger Konzentration ist es allerdings möglich, auch in der Sinneswahrnehmung die unscharfen Bilder zu sehen.

Ein zweites Thema dieser Serie sind die verschiedenen Bildebenen, die sich durch Ausblick aus dem Fenster, Anblick vor dem Fenster, Spiegelung und Rückspiegelung ergeben. Die Geschwindigkeitsbilder werden dadurch vielschichtig und erfordern die Entzifferung der verschiedenen Ebenen.

Die Aufnahmen entstanden während einer Busfahrt und stehen in einer Reihe mit anderen anderer Serien zum Thema Geschwindigkeit und Bewegung bzw. vielfältige Bildebenen.

Musik & Gedächtnis

Oliver Sacks ist für einige Bücher über Musik und neurologische Probleme bekannt. Er ist Dozent für Literatur und Neurologie. In „Der einarmige Pianist“ beschreibt er Menschen, für die Musik nach Hirnverletzung eine besondere Bedeutung erhielt.

Erschütternd und faszinierend, unvorstellbar jedenfalls, beispielsweise die Geschichte des Musikers und Musikwissenschafters Clive nach einer Gehirnkrankheit 1985: Sein Gedächtnis hält nur mehr ein paar Sekunden. Er erlebt fast jeden Augenblick neu, wie vom Koma erwacht und kann sich an nichts erinnern und keinen neuen Erinnerungsstrom aufbauen. Er wundert sich über seine täglichen Tagebucheinträge wie „diesmal endlich wach„, „richtig wach„, „vollständig wach„, „bei Bewusstsein„. Aber er kennt seine Frau und kann alltägliche Tätigkeiten verrichten. Verblüffend ist, dass er seine musikalischen Fähigkeiten erhalten hat. Er kann seinen Chor leiten(!), Klavier- und Orgelstücke auswendig oder vom Blatt nach Noten spielen oder neu einstudieren. Seine künstlerische Qualität ist vollständig erhalten geblieben. Aber lediglich bei der Ausübung von Musik kann er Zeit über eine längere Dauer erleben. Hört er mit dem Musizieren auf, fällt er aus Raum und Zeit wieder heraus und erlebt jeden Augenblick als neu, ohne Verbindung zu Vergangenheit oder Zukunft.

Oliver Sacks, Der einarmige Pianist. Über Musik und das Gehirn. rowohlt, 2008.

unterwegs

Mein fotografisches Interesse gilt immer wieder der Fortbewegung und der Geschwindigkeit. Die Serie unterwegs zeigt Bilder, die ich aus dem fahrenden Zug gesehen habe. Die unterschiedliche Bewegungsunschärfe verweist auf unterschiedliche Bewegungsgeschwindigkeit von Vordergrund und Hintergrund. Ebeso finde ich die unterschiedliche Bewegungswahrnehmung von Person und Kamera beobachtenswert.

Wer den Ort genauer wissen will: Westbahnstrecke zwischen Linz und Wels.