Mehrstufige Entwicklung von Motiven
Zeichnerische oder malerische Skizzen
Mein künstlerischer Prozess beginnt ganz klassisch mit einer Zeichnung, einer Malerei oder einer schnellen Skizze. In diesen ersten Arbeiten suche ich nach Formen, Linien und Stimmungen. Es sind offene, experimentelle Schritte, in denen Motive entstehen, sich verändern oder auch wieder verschwinden. Die Zeichnung dient dabei als Ausgangspunkt, als erster Gedanke, als Spur einer Idee.

Bild 1: Flächen mit Pigmenten, aufgeklebtes gerissenes Tonpapier, absichtslose Linien
Verarbeitung der Skizzen im grafik generator
Von diesen frühen Arbeiten fertige ich Fotografien an. Diese Fotos werden anschließend Teil eines digitalen Arbeitsprozesses: In meinem grafik generator kombiniere ich sie mit Ausschnitten aus anderen eigenen Arbeiten. Fragmente von Zeichnungen, Malereien oder älteren Grafiken schieben sich übereinander. Diese Überlagerungen führen in neue Bildräume, in denen Arbeiten von mir aus unterschiedliche Zeiten zusammenkommen. Einzelne Motive lösen sich aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang und bilden neue Beziehungen oder sogar neue Formen.
In diesem digitalen Schritt interessiert mich besonders das Spiel zwischen Kontrolle und Zufall. Die Kombinationen entstehen durch Zufall, das Speichern konkreter Bild-Situationen liegt in meiner Kontrolle. Linien treffen auf Farbflächen, Strukturen aus einer Arbeit verbinden sich mit Formen aus einer anderen. So entwickelt sich ein neues Bild, das zugleich Spuren seiner Herkunft trägt.





Bild 2: Fünf Beispiele für Ergebnisse des grafik generator in denen das Motiv aus Bild 1 vorkommt.
Das Bild oben links inspiriert mich zu einem Holzschnitt. Die Variante unten rechts interpretiere ich als vertikale Landschaft.
Vom grafik generator zur Holzschnitt-Platte
Dieses neu entstandene Bild bildet schließlich die Vorlage für meine druckgrafischen Arbeiten. Je nach Charakter des Motivs entscheide ich mich für eine bestimmte Technik – etwa Holzschnitt, Siebdruck oder Radierung. Die hier gezeigten Bilder sind Holzschnitte.

Bild 3: Das Motiv übernehme ich aus dem gespeicherten Bildes des grafik generators (Bild 2 oben links). Das Medium Holzschnitt erfordert eine Vereinfachung des Motives. Dadurch erscheint die ursprünglich aus mehreren Elementen bestehende Form als einheitliche wirkende Form, in diesem Beispiel als Torso interpretierbar. Die grafischen Linien lasse ich beim Holzschnitt weg.
Der Übergang vom digitalen Bild zur Druckgrafik ist kein rein technischer Schritt. Vielmehr übersetze ich das Motiv erneut in eine andere Form: Linien muss ich vereinfachen, neu setzen oder weglassen, Flächen aus verschiedenen Motiven zu einer neuen Form verbinden. So wird die Druckgrafik zu einem eigeständigen Werk und bringt durch die Haptik der Ölfarbe sogar noch eine neue materielle Ebene hinzu.
Verschiedene Realisierungen als Druckgrafik






Bild 4: Unterschiedliche Realisierungen des Holzschnitts durch Wahl verschiedener Farbkombinationen, Drehungen, Kombinationen mit verschiedenen anderen Motivplatten oder gezeichneten Linien.
Eine konsistente künstlerische Handschrift
Ein Arbeitsprozess in mehreren Schichten: Von der ersten Zeichnung über digitale Transformationen bis hin zur handwerklichen Druckgrafik trägt jedes Bild Spuren dieser Schritte in sich und ist zugleich Ausgangspunkt für weitere Entwicklungen. So führen die verschiedenen Stränge meiner Techniken – Skizze, digitale Verarbeitung im grafik generator und Drucktechnik – zu einer konsistenten künstlerischen Handschrift.
Metamorphosen im Arbeitsprozess
Der österreichische Schriftsteller Arno Geiger beschreibt in seinem Buch „Das glückliche Geheimnnis“ (2024) seine Arbeitsweise als Schriftsteller: „Die vielen Metamorphosen im Arbeitsprozess sind schwer nachzuzeichnen. Die Lumpen, die ich nach Hause brachte, mussten zerrissen und in Fasern aufgelöst werden, damit daraus neuer Stoff entstehen konnte. Mein Schreibtisch war das Spinnrad, auf dem ich die Bruchstücke aus Fremdem und Eigenem zu neuen Fäden spann.“ (S 128)
Bei der Lektüre ist mir die Analogie zu meiner Arbeitsweise in der Bildenden Kunst bewusst geworden. Ich bin Arno Geiger dankbar für die Beschreibung seiner Arbeitsweise, weil ich dadurch meine eigene Arbeitsweise besser reflektieren, verstehen und einordnen kann.



