Moderner Farbholzschnitt im kunsttheoretischen Diskurs

Ein Vorwort als Hintergrund

Während des Studiums der Komposition und Musik- und Medientechnologie (Bruckner Konservatorium Linz) habe ich mich sehr ausführlich mit kunsttheoretischen Diskursen und den Grundlagen ästhetischer Modelle beschäftigt. Zudem habe ich als Mathematiklehrer auch Systemtheorie und systemische Modelle unterrichtet.

Im folgenden Text versuche ich, meine aktuellen Holzschnitte vor allem unter dem Aspekt der Systemtheorie, Prozesskunst bzw. Materialästhetik zu beschreiben. Die Bezugnahme auf diese Bereiche hilft mir, meine eigenen Ansätze  besser einordnen und verstehen zu können und führt mich zu neuen Wegen und Erkenntnissen in meiner drucktechnischen Bildgeneration.

2 Beispiele für Ergebnisse des grafik generators. Bitte verwenden Sie den Suchbegriff „grafik generator“ im Suchfeld.

Zugleich verbindet sich in dieser Analyse mein drucktechnisches Schaffen mit meiner digitalen Bildgenerierung (grafik generator) und bestätigt das systemische Denken in Strukturen als meine übergeordnete künstlerische Handschrift. Das ist mir erst bei dieser Beschreibung der aktuellen Arbeiten bewusst geworden.

Kunsttheoretische Einordnung meiner Holzschnitte

Meine Arbeit mit Holzschnitt lässt sich im Spannungsfeld von Prozesskunst, Systemdenken und Materialästhetik verorten.

Ausgangspunkt ist eine Verschiebung des Mediums: Der Holzschnitt wird nicht als reproduktives Verfahren verstanden, sondern als offenes, dynamisches System. An die Stelle eines stabilen Bildes tritt ein Gefüge von Relationen, das sich im Prozess des Druckens jeweils neu konstituiert.

Zentral ist dabei der Einsatz mehrerer, voneinander unabhängiger Druckplatten. Diese fungieren nicht als Träger eines vorab definierten Motivs, sondern als operative Einheiten innerhalb eines Systems. Jede Platte bringt eine partielle Struktur ein: Fläche, Linie, Rhythmus. Erst in der Überlagerung erhalten diese Strukturen ihre Beziehungen zueinander. Das Bild entsteht dabei nicht durch Addition von Motiven, sondern durch Zusammenspiel und Interferenz von Strukturen.

In diesem Sinn ist der Druckprozess als generatives Verfahren zu verstehen. Er produziert Differenzen statt Darstellungen. Wiederholung wird nicht zur Reproduktion eingesetzt, sondern als Variation unter veränderten Bedingungen. Die serielle Arbeitsweise dient somit der Sichtbarmachung systemischer Möglichkeiten.

Die Verwendung von Offsetdruckfarben verstärkt diesen prozessualen Charakter. Farbe ist nicht bloß ein Mittel der Formgebung, sondern ein eigenständiger Akteur innerhalb des Systems. Ihre physikalischen Eigenschaften von Transparenz, Viskosität und verzögerter Trocknung unterstützen den offenen Charakter der Bildgenerierung. Zwar mische ich Farben für die einzelnen Platten eines Bildes, aber die letztlich im Bild sichtbaren Farbmischungen entstehen als Resultat von Überlagerung und Reaktion.

Räumliche Tiefe bildet sich nicht durch perspektivische Konstruktion von Motiven, sondern als Effekt von Schichtung, Transparenz und Farbgewicht. Der Bildraum ist instabil und relational – er entsteht bei der Überlagerung und lässt sich schwer voraussehen.

3 Bilder, die die Überlagerung verschiedener Strukturen zeigen.

Gleichzeitig bleibt auch das Material nicht neutral. Im Sinne materialästhetischer Ansätze tritt das Holz als widerständiger Träger in Erscheinung. Maserung, Schnittführung und Unebenheiten entziehen sich der vollständigen Kontrolle und schreiben sich als Differenz in das Bild ein. Material wird hier nicht überwunden, sondern aktiv sichtbar gemacht. Das werden insbesondere meine geplanten größeren Holzschnitte zeigen.

Meine Arbeiten operieren somit an der Schnittstelle von Planung und Zufall, Kontrolle und Offenheit. Sie sind weder vollständig determiniert noch beliebig. Vielmehr entstehen sie in einem Wechselspiel von Setzung und Reaktion, von System und Störung.

Das einzelne Bild ist dabei nicht als abgeschlossene Einheit zu verstehen, sondern als Momentaufnahme innerhalb eines fortlaufenden Prozesses. Bedeutung entsteht nicht im isolierten Werk, sondern im Zusammenhang von Serie, Variation und Wiederholung. Trotzdem hat jedes einzelne Werk einen eigenständigen ästhetischen Wert und kann für sich stehen. Jedes Ergebnis ist ein Unikat.

Der Holzschnitt wird so zu einem Medium, das einerseits Bilder generiert und andererseits zugleich die Bedingungen von Bildlichkeit untersucht. Die Arbeiten laden dazu ein, nicht nur das konkrete Bild, sondern auch den Entstehungsprozess nachzuvollziehen.

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